KLOPSTOCK 2000

Friedrich Gottlieb Klopstock  (1721-1803)


In gewisser Hinsicht kann Klopstock als der Begründer der neueren deutschen Dichtersprache bezeichnet werden. Sein Auftreten markiert den Beginn der so genannten „klassischen“ Epoche, die nicht ausschließlich von den bekannten Dichtergrößen geprägt wurde, sondern auch von ihren bisher kaum wahrgenommenen Rezipienten. Klopstock kreierte nicht nur einen neuen Typus des Dichters, sondern auch den des Lesers. Sein fundamentales „Messias“-Epos, Gedichte um Freundschaft, Liebe, Natur und Revolution, aber auch zahlreiche dichtungstheoretische Arbeiten waren für die Dichter seiner Zeit beispielhaft und wegweisend, „ein nicht wegzudenkendes Leitbild für die Lyrik der deutschen Sprache.“ (Kevin Hilliard, Katrin Kohl [Hg.], Klopstock an der Grenze der Epochen. 1995 S.3)

Insgesamt gesehen stand der junge Klopstock um die Mitte seines Jahrhunderts am Anfang aller gegenwärtigen und künftigen deutschen Literatur. Die Dichter der nachfolgenden Generationen, allen voran Wieland, Goethe, Schiller haben in seinen Schöpfungen erstmals das Wesen eines neuen dichterischen Sprechens erfahren. Klopstock war zeitweise die Identifikationsfigur ganzer Generationen von Dichtern und Lesern der sogenannten „höheren Poesie“.

Im kulturellen und politischen Umbruch des Revolutionszeitalters hat Klopstock beispielhaft eine neue Auffassung vom „Beruf“ des Dichters und der spezifischen Rolle seiner Leser konzipiert, kulminierend in der Frage: Leser, wie gefall ich dir? Leser, wie gefällst du mir? Der Spannungsbogen seiner literarischen und persönlichen Entwicklung erstreckte sich vom spirituellen „Messias“-Sänger bis hin zum Verfasser der „Gelehrtenrepublik“, dem vaterländischen, pragmatisch-revolutionären Autor.

Klopstocks Dilemma bestand darin, dass seine literarische Resonanz einerseits und die literaturgeschichtliche Bedeutung seines Werkes andererseits in den folgenden Jahrzehnten kontroverse Entwicklungen durchliefen. Der junge Lessing hat dieses Auseinanderdriften 1752  vier Jahre nach dem epochalen Erscheinen der ersten drei „Messias“ – Gesänge auf die griffige, quasi unverzichtbare Formel gebracht:


Wer wird nicht einen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? Nein.
Wir wollen weniger erhoben
Und fleißiger gelesen sein.

 

Lessing ahnte nichts von der Ambivalenz seiner Prophezeiung. Tatsächlich war es Klopstock, der in den folgenden Jahrzehnten im Bewusstsein breitester Publikumskreise tiefer verankert war als sein aufklärerischer, streitbarer Kritiker. Das 19.Jahrhundert brachte dann die entscheidende Wende: Bei ständig abnehmendem literarischen Interesse verklärte sich die Vorstellung von Klopstock zum Bild des Dichters par excellence, zum heiligen „Messias– Sänger“, dessen Verehrung schließlich in einem Denkmalskult erstarrte. Insofern hat Lessings frühe Zukunftsvision eine späte Bestätigung gefunden.

Neue Aspekte und einen Überblick zum Stand der gegenwärtigen Klopstock-Forschung bis zur Jahrtausendwende findet man in: Katrin Kohl, Friedrich Gottlieb Klopstock. Sammlung Metzler 325. 2000.

Ein Editionswerk von fundamentaler Bedeutung für alle künftigen Arbeiten zum Thema „Klopstock" - eigentlich
d i e  Motivation, sich mit dem Dichter erneut zu beschäftigen-, ist die seit 1974 erscheinende Hamburger Klopstock-Ausgabe, die in den nächsten Jahren ihrer Vollendung entgegengeht und von der inzwischen über 35 Bände erschienen sind:

Friedrich Gottlieb Klopstock: Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Begründet von Adolf Beck, Karl Ludwig Schneider, Hermann Tiemann. Herausgegeben von Elisabeth Höpker-Herberg, Horst Gronemeyer, Klaus Hurlebusch, Rose-Maria Hurlebusch.

Walter de Gruyter. Berlin, New York 1974 ff